Blog

geschrieben von Carlotta Hartmann

Auf einem Kennenlerntag vor ein paar Monaten wurden uns bereits die Daten für das Ausreiseseminar genannt. Damals hatte ich eine vage Vorstellung von diesen zwei Wochen, die irgendwie in meine Sommerplanung passen mussten. „Das ist ja noch so lange hin” und die Vorstellung vom Auslandsjahr war noch zu unsicher, zu weit weg… Während der Sommer näher rückte und die Hürden bis zum weltwärts-Jahr nach und nach weniger wurden, die Fragen sich häuften und die Vorfreude wuchs, wurde das Seminar zum ersten wirklichen Teil dessen.

Anfang Juli war es nun so weit: 12 Tage lang waren wir zukünftige weltwärts Freiwillige, gemeinsam mit Nadia und Erik als Teamer*innen, nahe Halle (Saale) untergebracht. Tagsüber hatten wir meist Workshops zu Themen, die für uns nächstes Jahr und in Zukunft relevant sind.

Die ersten zwei Tage verbrachten wir in unseren Ländergruppen, sprachen über Erwartungen und die Erfahrungen der ehemaligen .lkj) Freiwilligen. Erik, der selbst in Ghana war, Tim, der über weltwärts in Laos war und uns für die Tage besucht hat und Caty, die mit den Südamerika-Freiwilligendienstlerinnen gesprochen hat, erzählten von Religion, Sitten und Bräuchen in den jeweiligen Ländern. Ein paar erste Vokabeln haben wir sogar auch gelernt – das wichtigste, um in den ersten Wochen nicht völlig verloren zu sein. Da viele von uns in Schulen unterstützen werden, verbrachten wir auch etwas Zeit mit verschiedenen Unterrichtsmethoden. Über die gesamten 12 Tage konnten wir einiges an Methoden ansammeln, die wir hoffentlich über das Jahr verwenden können. Dazu gehörten auch die Energizer oder Wupps, die die morgendliche und nachmittägliche Müdigkeit vertrieben und wenig Platz für Berührungsängste ließen.

weltwärts Freiwillige 17/18 beimSeminar

weltwärts Freiwillige 17/18 beim Seminar

Je näher wir uns kennengelernt haben, desto verrückter wurde die Gruppe. Damit wuchs aber auch die Vertrautheit. Workshops verwandelten sich teilweise in Diskussionen, weil alle so viel zu sagen hatten, dass die Themen sich von selbst entwickelten. Auch nach den langen, meist anstrengenden Seminartagen haben uns die Inhalte beschäftigt, mit denen wir uns auseinandergesetzt haben.
Neben Informationen zu unseren zukünftigen Einsatzländern haben wir uns mit anderen Themen beschäftigt, die für uns momentan, nächstes Jahr, und überhaupt wichtig sind. Wir verbrachten einen Tag mit dem Thema Sex, der sich, im Gegensatz zur Sexualkunde in der Schule, nicht auf Verhütung und biologische Faktoren beschränkt hat… Mit Plüschgenitalien und brainstormen zur Sexualkultur wurden wir alle offener und konnten auch bezüglich des nächsten Jahres auf das Thema eingehen. Außerdem machten wir viel zum Globalen Lernen und Entwicklungszusammenarbeit und bekamen unter anderem durch den Film „Blickwechsel“ die kritischen Seiten von weltwärts zu sehen. Beim „Weltverteilungsspiel“ haben wir uns nach Anteil der Weltbevölkerung auf einer imaginären Weltkarte verteilt. Nach uns Menschen folgten Stühle, um das Bruttoinlandsprodukt zu symbolisieren, sowie mit Kohle gefüllte Tassen, um den CO2 Ausstoß darzustellen. Dadurch wurde einmal mehr klar, wie ungleich Lebensumstände auf der Welt sind und was das für die Entwicklungszusammenarbeit bedeutet. Diese besprachen wir auch in der Gruppe und überlegten uns alternative Begriffe dafür. Der Film von Christian Weinert und Ferdinand Carriere hat uns die kritische Diskussion über das weltwärts Programm noch mal neu eröffnet und wir kamen zu dem Schluss, dass der entwicklungspolitische Teil des Freiwilligendienstes mehr daraus besteht, was wir während der Zeit und danach mit unseren Erfahrungen anfangen und wie wir als Botschafter*innen, sowohl Deutschlands als auch des Einsatzlandes, funktionieren. Dazu hatten wir zwei Seminartage, in denen wir uns mit Kultur und Rassismus auseinandersetzten. Wir versuchten Kultur und „typisch Deutsch“ zu definieren, um letzten Endes festzustellen, dass jeder durch seine ganz persönlichen Erfahrungen und Einflüsse Teil einer Transkultur wird. Wir gaben uns Labels und waren selbst überrascht, wie viele Vorurteile in uns wohnen und wie unbewusst Menschen in Kategorien und Schubladen gesteckt werden. Auch beschäftigten wir uns damit, wie wir am besten mit kulturellen Unterschieden umgehen und diese überbrücken. Das Thema kann man ganz gut unter dem Satz „Wenn ich mit dem Finger auf Dich zeige, zeigen drei Finger auf mich“ zusammenfassen. Auch mit Rassismus im Alltag, in der Geschichte und der Gesellschaft haben wir uns viel beschäftigt.

privilege is invisible to the one holding it

Zitat aus:
Why Gender Equality Is Good for Everyone — Men Included | Michael Kimmel | TED Talks

Neben täglichen Einheiten und Inhalten, die für das nächste Jahr wichtig sind, haben wir zusammen gekocht, gelacht und uns am Lagerfeuer besser kennengelernt. Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran, für 20 Leute zu Kochen – man steht sehr viel länger mit dem Salzstreuer da, als man es gewohnt ist, und für Eriks Rätsel war am Frühstückstisch dann doch genug Energie da.

Freizeit mit Spiel & Spaß

Freizeit mit Spiel & Spaß

Morgendliche (Ver)laufrunden, fünf-stündiges „Risiko” spielen und die Witze, die sich teilweise so oft wiederholten, dass es schon wieder lustig war, gehörten auch dazu. Obwohl wir etwas außerhalb untergebracht waren, schafften wir es sogar nach Halle zu einer Demo gegen ein rechtgesinntes Wohnprojekt, welches sich versucht, mitten in der Stadt zu etablieren. Der andere Ausflug, etwas weniger politisch, war ein sonniger Nachmittag am See: Volleyball, Kartenspiele und Wikingerschach.

 

Im Laufe des Seminars kamen bei Vielen von uns Zweifel auf, Sorgen, die durch das immer wirklicher werdende Jahr plötzlich Form und Farbe annehmen. Wir bringen alle unsere persönlichen Erfahrungen mit und werden auch nächstes Jahr völlig anders erleben. Trotzdem sind wir zusammengewachsen, haben uns unterstützt und helfen uns gegenseitig, ins Ungewisse aufzubrechen. Für alle von uns ist es eine neue Erfahrung, weit weg vom Bekannten, Vertrauten, ein Sprung ins kalte Wasser. Ein Sprung, der über die letzten zwei Wochen echter geworden ist und auf den wir jetzt ein bisschen besser vorbereitet sind und auf den wir uns um einiges mehr freuen können.

Gruppenbild der .lkj) Sachsen-Anhalt e.V. weltwärts Freiwilligen und Koordinierenden 2017/2018 in der Villa Jühling e.V. in Halle (Saale)

Gruppenbild der .lkj) Sachsen-Anhalt e.V. weltwärts Freiwilligen und Koordinierenden

 

Hier gibt es noch einen literarischen Einblick von Alex Schmitt

Das erste Mal Fallschirmsprung // weltwärts Poetry Slam