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Erster Zwischenbericht: Ghana – Christ Academy von Benjamin Gärtner

 Vorwort

Ich bin Benjamin Gärtner und arbeite in meinem Freiwilligendienst als Naturwissenschaftslehrer der Junior High Klassen 1-3 (7.-9. Klasse) an der Christ Academy in Fodome Helu, Volta Region, Ghana.

Die Einsatzstelle und die Arbeit

Meine Arbeit als Lehrer an der Christ Academy lässt sich als anspruchsvoll, aber auch als sehr lehrreich beschreiben. Für mich war die Rolle des Lehrers nicht komplett neu. Allerdings gab es in den ersten Wochen einige Herausforderungen bei der Findung meines Lehrstiles und meiner Rolle als neue Lehrkraft der Schule. Bevor es in den normalen Schulalltag ging, wollte ich für mich persönlich festlegen, welche Sorte von Lehrer ich sein will. Dabei spielt die Beziehung zu meinen Schüler*innen eine wichtige Rolle. Ich wollte ein klares Verhältnis zwischen mir und meinen Schüler*innen schaffen − ich bin ihr Lehrer, nicht ihr Freund. Ich wollte ihr Ansprechpartner bei schulinhaltlichen, aber auch kulturellen Fragen und beim Austausch sein. Ich wollte ihnen zu verstehen geben, dass ich es als meine Aufgabe sehe, ihnen zu helfen, die Inhalte des Lehrplans zu verstehen und ihnen die interessanten Aspekte der Naturwissenschaften zu vermitteln. Ich wollte ein Schüler-Lehrer-Verhältnis schaffen, dass auf gegenseitigen Respekt beruht. Allerdings musste ich ihnen klar machen, dass ich, als Lehrer, die Autoritätsperson bin.

Ich wollte dies durch bestimmte Grundsatzregeln und Verhaltensweisen festmachen z.B.: pünktlich zum Unterrichtsbeginn im Klassenraum zu sein oder erst die Hand zu heben, bevor man etwas sagen möchte. Dabei stieß ich auf die ersten Schwierigkeiten, die durch unterschiedliche kulturelle Situationen und Normen bedingt waren, an denen ich aktiv beteiligt war. Ich wollte Wert auf Pünktlichkeit legen, als Zeichen von Respekt. Allerdings wurde mir früh klar, dass ich dies nicht      eins zu eins aus der deutschen Norm übertragen kann. Hier ist es absolut normal, dass die Kinder, bevor sie sich am Morgen auf den Weg zur Schule machen, häusliche Pflichten erledigen. Diese Pflichten reichen vom Staubkehren bis zweimal zum Fluss und wieder zurück laufen, um Wasser für die Familie zu holen. Das Resultat war, dass sich einige Schüler hin und wieder verspäteten. Das waren Situationen, bei denen ich für mich beschlossen habe, sie tolerieren zu müssen, auch wenn die Gefahr bestand, unfreiwillig einen Teil an autoritärer Kraft zu verlieren. Diese und ähnliche Situationen sind mir im Laufe der ersten Wochen und Monaten häufiger vorgekommen. Ich habe aus ihnen gelernt, dass es in solchen Fällen sehr wichtig ist, zu kommunizieren, um die ganze Situation zu erkennen, da man sonst voreilige Schlüsse zieht, die einem selbst daran hindern, die Gesellschaft zu verstehen. Etwas schwieriger ist der Umgang mit der Prügelstrafe, die ganz offen und recht häufig, von einigen Lehrkräften auch extrem oft praktiziert wird. Ich habe mit einigen Lehrkräften und Eltern darüber geredet und diese empfinden es als vollkommen normal und gut. Ich habe versucht einigen Lehrkräften mitzuteilen, dass es auch andere Strafen gäbe, die sehr wirkungsvoll sein können. Aber damit stieß ich eher auf Unverständnis. Die Prügelstrafe ist sehr tief in den Schulalltag etabliert. Mir persönlich wurde oft der Stock in die Hand gedrückt, sowohl von Lehrern als auch von Schüler*innen. Allerdings respektieren diese es auch, wenn man davon keinen Gebrauch machen möchte. Dennoch wird einem die Prügelstrafe oft begegnen.

Natürlich hat man aber auch mit Herausforderungen, als neuer Lehrer, zu kämpfen, die nichts mit den örtlichen Situationen oder Normen zu tun haben. Ein Problem kann sein, abzuschätzen, wie viel Zeit und Energie man einem Themenbereich widmen möchte, speziell im Fach Naturwissenschaften. Ich habe einen genauen offiziellen Zeitplan, der sagt, was ich in jeder Unterrichtswoche zu vermitteln habe. Jedoch sind einige Themen sehr anspruchsvoll. Einige Schüler*innen verstehen besser und schneller als andere und manchmal ist ein gewisses Basiswissen über ein bestimmtes Thema, was teilweise Voraussetzung ist, nicht gegeben. Ich habe beobachtet, dass einige Lehrer*innen stur auf ihren Zeitplan beharren und es teilweise ignorieren, wenn Schüler*innen einen bestimmten Sachverhalt oder ein ganzes Thema nicht verstanden haben. Andere nehmen sich viel Zeit und ignorieren wiederum den vorgegebenen Zeitplan, der aber Grundlage für die staatlichen Examen ist. Ich habe für mich eine Mittellösung gefunden, um dieses Problem anzugehen. Wenn ich für ein bestimmtes Thema mehr Zeit brauche, nehme ich mir diese. Allerdings muss ich akzeptieren, dass nicht jede*r Schüler*in immer alles vollkommen versteht, obwohl ich, als Lehrer, ihm* ihr die realistische Chance gegeben habe, verstehen zu können. Erste Erfolge sind natürlich, wenn man z.B. durch gute Testresultate mitbekommt, dass einige Schüler*innen verstanden haben, was man ihnen versucht hatte zu erklären. Auch weniger gute Resultate sind hilfreich, denn dadurch kann man eventuell seinen Lehrstil optimieren bzw. anpassen. Das Niveau, der Lehrinhalte des Faches Naturwissenschaften, ist durchaus mit dem deutschen vergleichbar, auch wenn die einzelnen Fächer Biologie, Chemie und Physik zu einem Fachgebiet zusammen gefasst sind.

Auf einige Themen wird, aufgrund  von alltäglicher, örtlicher Relevanz, besonders Wert gelegt, wie z.B. die Themen Moskitos, sexuell übertragbare Krankheiten oder landwirtschaftliche Systeme. Allerdings ist die Behandlung dieser Themen zum einen sehr lehrreich (auch für mich), zum anderen lassen sich dadurch auch intensivere Gespräche mit den Schüler*innen führen.

Das Leben und der Alltag

Mein Dorf, Fodome Helu, in dem ich und mein Mitfreiwilliger leben, ist relativ gesehen, kein sehr kleines Dorf. Das Leben ist ein eher einfaches, aber man hat alles was man braucht und an gewisse Dinge, wie das fehlende fließende Wasser, gewöhnt man sich schnell. Man kann nicht sehr vielen Aktivitäten nachgehen, aber es ist auch nicht unbelebt. Soziale Kontakte zu den Dorfbewohner*innen zu knüpfen ist allerdings schwierig, da viele nur ein sehr gebrochenes Englisch sprechen und meines Erachtens, viele bzw. einige Dorfbewohner*innen, Vorurteile gegenüber Menschen mit heller Hautfarbe haben, die eine freundschaftliche Beziehung sehr erschweren. Die sozialen Strukturen würde ich als eher altmodisch beschreiben. Es gibt zwei katholische Priester in der Community. Der Ältere von ihnen fungiert als Oberhaupt der Dorfgemeinschaft, als Administrator der Christ Academy und als der Mentor der Freiwilligen. Außerdem gibt es einen ältesten Rat, dessen genaue Bedeutung für das Dorf ich noch nicht erschließen konnte. Man kann aber viel über die Traditionen in der Volta Region lernen, vor allem was Kleidung, regionale Produkte, soziale Gepflogenheiten oder regionale Geschichte betrifft.

Unabhängig davon wo man ist, denke ich, sind es die Menschen, die bestimmte Erinnerungen, die man mit dem Ort verknüpft, positiv oder negativ wirken lassen − abhängig von der persönlichen Interpretation. In meinem Fall habe ich wohl mehr negative als positive Erfahrungen mit den Menschen in meiner Umgebung gemacht. Als meine Umgebung betrachte ich das Dorf, in dem ich lebe, Fodome Helu. Hier habe ich den meisten Kontakt mit den anderen Lehrer*innen der Schule und mit den beiden Priestern der Community. Bereits am Anfang wurden wir Freiwillige sehr offen empfangen und hatten dementsprechend viele Gespräche mit einigen Bewohner*innen des Dorfes. Speziell ein Beispiel lässt sich gut für die Schilderung verwenden. Ein Lehrer meiner Schule, wohnt nahe dem Freiwilligenhaus. Deswegen hatte ich bereits vor Schulbeginn schon öfter Kontakt zu ihm. In den ersten Gesprächen ging es um allgemeines. Nach einiger Zeit hatten die Gesprächsthemen etwas mehr Bezug auf bestimmte Dinge. Von Anfang an bemerkte ich bei diesen Gesprächen, wie auch bei Gesprächen mit anderen, einen gewissen Hintergedanken. Es fühlte sich an, als ob der Gesprächspartner einen versucht zu manipulieren. Bei Gesprächen mit diesem bestimmten Lehrer war dies relativ deutlich zu spüren. Nach einiger Zeit hatte ich den persönlichen Eindruck, dass er mit seiner Rolle in der Schule nicht zufrieden war und versuchte über mich und meinen Mitfreiwilligem, durch unsere Beziehung zu den Priestern, speziell zum Älteren, sich in eine bessere Position in der Schule zu bringen.

Bei mir stieß dieses Verhalten auf eine kritische Sichtweise. Nach weiterer Zeit stellte ich, bei der Zusammenarbeit mit ihm in der Schule, bestimmte Verhaltensweisen an ihm fest, die ich als unprofessionell und teilweise respektlos empfand. Ich versuchte mit ihm einen Dialog auf einer sachlichen Ebene zu führen, was sich als fast unmöglich herausstellte. Dabei stieß ich auf eine weitere seiner Eigenschaften, die ich auch bei anderen feststellen konnte, nämlich die nahezu Unfähigkeit Kritik anzunehmen, die nicht von höheren Autoritäten ausging. Meine Absicht war es, einen konstruktiven Dialog zu führen, bei dem ich meine Sichtweise erläutern und gleichzeitig seine verstehen wollte. Allerdings führte dies zu einer Eskalation, die sehr respektloses und aggressives Verhalten, auch gegen meine Person, einbezog. Diese Art von Auseinandersetzung begegnete mir mit ihm aber auch mit anderen Personen einige Male, manchmal als aktiver, manchmal als passiver Part. Ich persönlich erkenne dieses Verhalten, der einzelnen Personen, nicht als andere Möglichkeiten zur Interaktion an, die man auf Grund von kulturellen Unterschieden tolerieren sollte. Ich empfinde es als sehr respektlos, teilweise kindisch und vor allem unprofessionell, da diese Vorkommnisse nicht privater, sondern beruflicher Natur waren. Diese und ähnliche soziale Begegnungen mit Einheimischen, nicht nur in Fodome Helu, sorgten dafür, dass ich mich eher unwohl fühlte.

Allerdings ist zu erwähnen, dass ich auch viele positive Erfahrungen mit Menschen von hier gemacht habe, beispielsweise habe ich ein sehr gutes und freundschaftliches Verhältnis zu den beiden Priestern. Ich betrachte die gesamten Erfahrungen dieser Art, zusammengefasst, als sehr lehrreich.

Sonstiges

Alles in allem konnte ich in den ersten 3 Monaten meines weltwärts Freiwilligendienstes viele Erfahrungen sammeln und aus denen viele Lehren ziehen. Vor allem die Arbeit als Lehrer empfinde ich als sehr lehrreich für meine eigene Person. Ich denke, dass die Erfahrungen, die ich aus dem Lehrer-Dasein gezogen habe und noch ziehen werde, aus mir einen besseren Schüler im Studium machen werden. Im Umgang mit den Einheimischen habe ich mit einzelnen Personen negative Erfahrungen gemacht, die sich tiefer in mein Gedächtnis gebrannt haben als die positiven und mich zunächst den Fehler machen ließ, eine gewisse negative Grundhaltung gegenüber anderen Einheimischen, nach einen nicht sympathischen ersten Eindruck, aufzubauen. Nach genaueren Überlegungen, positiven Erfahrungen mit anderen und Gesprächen mit anderen Freiwilligen, wurde mir dies bewusst und ich habe gelernt, diesen Fehler nicht zu wiederholen.

Ich könnte mir bisher einen mehr oder weniger umfangreichen Eindruck von Einzelpersonen verschaffen, aber noch keine allgemeine Sichtweise auf die Gesellschaft, die mich umgibt.