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Erster Zwischenbericht: Togo – Association Aide aux enfants orphelins du SIDA von Frederic Hubert

 

Vorwort

Der erste Eindruck dieses Landes war geprägt von Aufgedrehtheit, ansteckender Aufgedrehtheit. Nicht meinerseits, doch alle die am Flughafen standen um mich abzuholen, sprühten geradezu davor. Begrüßung, Rumgelaufe, Fotos machen, ins Auto einsteigen,  losfahren. Das erste Mal durch diese Stadt fahren, zunächst vom Hellen ins Dunkle hinein, zu den Lichtern der Stadt. Vorbei an lebendigen Straßenszenen, Kneipen, mehr Leuchtreklame als erwartet. Heimkommen, Essen, Trinken, das Bier schmeckt. Beruhigt, die Aufregung war weg, schlafen gehen.

Das Leben und der Alltag

In den nächsten zwei Wochen dann mit meinem Mentor reisen. Alle möglichen Viertel der Stadt, die für mich, wenn sie nicht gerade in der Innenstadt lagen, doch ziemlich gleich aussahen. Dann von der Grenze zu Ghana zur Grenze nach Benin, Sklavenhaus, einen Fürsten in einem kleinen Dorf, Togoville, besuchen. Auch ein Slowake ist da. Der Fürst selbst im weißen Umhang, auf weißem Plastikstuhl sitzend. Er hat Geschichte studiert. Gespräche über Kolonialismus, heutige Einflussnahmen und Abhängigkeiten von Europa. Der Slowake spricht über seine Großeltern während der Nazizeit. Und dann die undenkbare Frage vom Fürsten, ob ich mich verletzt fühlen würde, weil schlecht über mein Land geredet wird. Etwas verdutzt verneint. Kpalime besuchen. Kleinere Stadt. Wegen der schönen Natur und den Wasserfällen, Lieblingsstadt der Deutschen während der Kolonialzeit – immer noch. Dann zurück zu Hause, wo ich dann viel Zeit hatte. Sehr viel Zeit. Das Waisenhaus noch leer, die Kinder in den Ferien. Dann noch länger in den Ferien, sie werden um einen Monat verlängert. Die Lehrer*innen wollten streiken, aus Angst vor Ausschreitungen oder  Unregelmäßigkeiten wurde dann der Schulanfang verschoben. Hauptsache keine schlechten Bilder. Es fand nämlich ein Treffen  von afrikanischen Staatschefs statt. Alles wurde herausgeputzt im Regierungsviertel und ich hatte viel Zeit mir das anzuschauen. Sonst viel Lesen, zu Hause auf dem Dach, im Goethe Institut. Das Gefühl mehr zu lernen als in der Schule, gut, sind ja auch interessantere Bücher. Ständig damit beschäftigt sich die eigene Metropole zu bauen, dort wo es noch wirklich Stadt und Land gibt. Nun gut, wenigstens dadurch die Möglichkeit seine Metropole auch mal zu reflektieren.

Auch selbstständiger werden, selbst losziehen, Leute kennenlernen, Alltag schaffen.

Die Einsatzstelle und das Arbeitsumfeld

Dann, mit einem Monat Verspätung kam dann die große Fahrt durchs Land. Alle Kinder, die nicht in Lome ihre Ferien verbrachten, abholen. Also morgens um 6 Uhr losfahren, um abends um 17 Uhr in Dapong zu sein, eine Stadt ganz im Norden an der Grenze zu Benin. Vorbei am ganzen Land. Kleine Städte, muslimisch geprägte Regionen, hügelige Landschaften und vor allem grüner als gedacht. Schöner als erwartet. Ankommen, warten auf den Schlüssel für unsere Schlafplätze, essen, trinken, um 24 Uhr schlafen. Um drei Uhr aufstehen, um vier Uhr losfahren. Eine müde Stimmung, als die ersten sechs Kinder zusteigen. Kurze Begrüßung, kurze Begutachtung, alle wollen schlafen. Es wird immer heller, die Fahrt immer länger, die Kinder immer mehr und wacher. Erste Gespräche werden tastend geführt, es wird gesungen und es wird sich, nach ein paar Stunden nicht mehr ertragbaren Enge, gequetscht. Als wir dann, nach der anstrengendsten aber auch schönsten Fahrt meines Lebens, nach 13 Stunden, zu Hause ankamen, war es teilweise wieder wie am ersten Tag. Man war aufgedreht, man rannte umher, das erste gemeinsame Essen. Überall Gewusel. Und dieses Gewusel sollte anhalten, wurde der neue Alltag. In den nächsten zwei Wochen, als noch Ferien waren, wurde viel gespielt, vor allem Fußball. Was meine Rolle im nächsten Jahr hier sein sollte, wurde mir dann durch Zufall bewusst, als eines der kleinen Kinder mich schon nach drei Tagen nicht mit meinem Namen ansprach, sondern mit „großer Bruder“. Ja, das fasst am besten meine Rolle zusammen. Der neue Alltag in dieser Riesenfamilie mit 26 Kindern, von 9 bis 20 Jahren, zwei Müttern, einer Tante und einem Vater, dem Kinderhausleiter.

Meine festen Aufgaben sind es zum Beispiel  morgens früh um kurz nach sechs Uhr die kleineren Kinder, welche noch die Grundschule besuchen, zur Schule zu bringen. Danach ist dann Zeit für mich, die ich meist mit Weiterschlafen und Lesen verbringe oder aber mit den Mamas.  Meist um zwei Uhr nachmittags hole ich dann die Kinder aus der Grundschule wieder ab. Danach gibt es Essen und eine kleine Pause bis ungefähr 16 Uhr. Dann kommen Nachhilfelehrer*innen, die dann in kleineren Gruppen mit den Kindern üben. Um circa 19 Uhr gibt es dann Abendessen. Anschließend machen wir dann alle zusammen Hausaufgaben, wo ich vor allem in Englisch und Mathematik sehr gefragt bin und wo es manchmal sehr schwierig ist die Kinder davon zu überzeugen, dass ich nur helfe und nicht alles alleine mache. Nachdem man dann am Abend erstmal nicht verstehen kann, dass ich nicht einfach für sie den Brief oder das Essay schreibe, da das ja viel schneller gehen würde, ist man am nächsten Tag dann doch immer sehr froh, es selbst gemacht zu haben und für die (fast) eigene Arbeit vom Lehrer gelobt worden zu sein. Des Weiteren übe ich zu dieser Zeit auch immer viel Kopfrechnen und Lesen mit den Kleinen. Außerdem unterrichte ich Deutsch für die Kinder im Waisenhaus. Was anfangs ein wenig schwierig war, wegen der Altersunterschiede unter den Kindern, macht nach dem Teilen der Gruppe nun teils richtig Spaß. Auch wegen dem Erinnern an die Methodik und Techniken die man selbst mal durchlaufen ist. Man kann viel singen, Gedichte sprechen, Konversationen nachstellen und ich bin froh, dass ich mich bis heute erfolgreich drücken konnte, die deutsche Nationalhymne vorzusingen. Sonst fühlt sich alles erschreckend wenig nach Arbeit an. Eher als einfaches, alltägliches Zusammensein. Dieses findet seine schönste Form immer abends. Die Kleinen schlafen schon, man sitzt draußen zusammen. Manch eine*r erledigt seine letzten Aufgaben, ein*e Andere*r schläft schon mit dem Kopf auf dem Tisch, der Rest redet, macht Scherze, hört zu. Das ist der schönste Teil des Tages, wenn man müde, die Erschöpfung in allen Gesichtern lesend, dasitzt.  Jede*r sollte, keine*r will schlafen gehen.

Sonstiges

Und so habe ich hier nun schon drei verschiedene Alltage mitgenommen, welche gleichsam schön, neu, vielleicht auch teils ein wenig unwirklich und eben doch im positiven Sinne absolut alltäglich sind.

 Togo - Association Aide aux enfants orphelins du SIDA

Togo – Association Aide aux enfants orphelins du SIDA