Blog

1.Zwischenbericht: Ghana – Sacred Heart Senior High School von Julia Orso

 

Vorwort

Die ersten drei Monate in Ho/ Ghana sind nun schon Vergangenheit und vergingen rückblickend wie im Fluge. Es ist viel passiert und es hat sich alles verändert. Nicht nur der Auszug aus der Gastfamilie, der Einzug in ein eigenes Apartment, die Begegnungen mit lieben Menschen, sondern auch die Eingewöhnung in den Alltag hat mich die letzten Wochen und Monate geprägt, angestrengt und zum Nachdenken gebracht.

Die Einsatzstelle und das Arbeitsumfeld

Der Aufenthalt hier in Ghana/ Ho hat natürlich einen tieferen Sinn. Es ist meine Arbeit als ICT- “Lehrerin” an der Sacred Heart Senior High School (SAHESCO). Die ersten Monate waren sehr chaotisch und ich brauchte die komplette Zeit, um anzukommen und auch gerade um die Schüler*innen kennenzulernen und mit ihnen warm zu werden. Doch nun ist es viel besser geworden und ich habe zu vielen einen Draht und kann lockerer sein, statt unsicher. Das fühlt sich schön an und gibt mir Sicherheit. Allerdings habe ich das Problem, dass ich in der Schule kaum etwas zu tun habe, da ich nur drei Stunden in der Woche ICT in der Form 1 unterrichte. Den Rest der Zeit sitze ich in einem Plastikstuhl und habe nichts zu tun. Aus eigener Initiative habe ich noch einen kreativen Schreib- und Theaterworkshop ins Leben gerufen, der jedoch auch nicht die ganze freie Zeit mit sinnvoller Arbeit füllt.

Mein nächstes Projekt im neuen Jahr wird also sein, dieses anzusprechen und eine Lösung zu finden. Es gibt vielleicht die Möglichkeit bei einer anderen Organisation (wie z.B. “Pencils of Promise”) nebenbei zu arbeiten, denn ich habe Leute von dort kennengelernt und werde sie heute wieder treffen, um sie darauf anzusprechen.

Ich brauche das Gefühl, auch etwas Sinnvolles zu tun während meines Aufenthaltes hier und muss mich definitiv bewegen und kann nicht nur im Stuhl unter dem Ventilator sitzen. Gerne möchte ich auch etwas Körperliches tun, etwas bauen und mich mit den Leuten austauschen. So etwas wie Community- Arbeit. Die Schule ist zwar ein guter Ort und ich habe sehr liebe Menschen dort kennengelernt, welche mich großartig unterstützen (wie Raymond und Lorrain), doch manchmal frage ich mich auch, warum sie eine*n Freiwillige*n brauchen/ wollen oder ob es vielleicht manchmal mehr um Prestige geht? Gedanken und Vermutungen gehören auch dazu. Jedenfalls fühle ich mich nicht in den Ablauf eingebunden und merke, dass ich die Letzte bin, die von etwas Wind bekommt, da der Informationsfluss und die Planung manchmal (ja, das ist eine Wertung) katastrophal ist. Arbeiten, ohne zu wissen, ob die Arbeit überhaupt einen Wert hat und die Mühe, der Vorbereitung sich lohnt, oder aber vielleicht kurz vorher, alles geändert wird, eine Veranstaltung ausfällt, vielleicht aber auch stattfindet.  Das strengt an und fordert mich stark heraus. Es demotiviert auch teilweise sich immer wieder neu zu motivieren, etwas alleine anzugehen, vorzuschlagen und besonders, den herumfliegenden Informationsfetzen hinterher zu heischen. Aber das gehe ich nächstes Jahr an und berichte erneut.

Das Leben und der Alltag

Ich bin sehr froh darüber, nun endlich in einem eigenen Apartment zu wohnen und stolz darauf, diesen Umzug hier in Ghana selbstständig organisiert zu haben.

Da ich mir schon sehr früh darüber im Klaren war, dass ich nicht ein ganzes Jahr bei einer Familie wohnen möchte, konnte ich mein Bedürfnis rechtzeitig kommunizieren. Welches Bedürfnis? Mein Bedürfnis nach Privatsphäre und Unabhängigkeit wurde in den letzten Monaten nicht nur durch die neue und unbekannte Umgebung erheblich eingeschränkt, sondern insbesondere durch meinen Aufenthalt bei der Gastfamilie, die sich zwar sehr gut um mich und meine Sicherheit gesorgt und gekümmert hatte, jedoch dadurch meine Selbstständigkeit und Freiheit automatisch einschränkte. Da ich ein unabhängiger und sehr selbstständiger Mensch bin, der schon seit langer Zeit eigenständig lebt, war mir vorher schon klar, dass eine Gastfamilie keine Option für ein ganzes Jahr sein wird.

Die Haussuche zeigte sich als sehr anstrengend und kräftezehrend. Jedoch verlief sie im Endeffekt positiv und ich bin mehr als zufrieden mit den neuen Bedingungen, unter denen ich nun lebe und selbst entscheiden kann, was und wann ich esse, was ich anziehe und wann ich nach Hause komme.

Mein neuer Lebensmittelpunkt ist also nun nicht mehr die Familie, in welcher ich mich häufig unwohl und fremd gefühlt habe, weil es wenig Gespräche und Austausch gab, sondern meistens nur das Essen auf dem Tisch stand. Die Tatsache, dass Absprachen und Kommunikation knapp und selten gut waren, hat mir manchmal das Gefühl vermittelt, ich sei nur des Geldes wegen willkommen und sonst einfach nur anwesend. Das eigenständige Erkunden der Stadt und das Kennenlernen von neuen Leuten fand spätestens um 21:00 Uhr ihr jähes Ende und hielten mich daher die ersten zwei Monate recht isoliert, statt eingebunden in den ghanaischen Alltag. Dennoch und gerade deshalb bin ich froh über den Verlauf der Dinge, welcher mich hat spüren lassen, welch teures Gut Privatsphäre ist, wie wenig Anerkennung diese hier in einigen Familien teilweise findet und was für Ansprüche ich erhebe, um glücklich und frei zu sein.

In der WG, die sich nun ergeben hat, fühle ich mich wohl und es läuft alles sehr entspannt ab. Zusammen mit dem neuen Freiwilligen Leonard und einer anderen Freiwilligen namens Saskia, die ich anfangs glücklicher Weise kennengelernt habe und mit der ich mich viel austausche, lebe ich nun zusammen und teile einen Haushalt. Das Haus hat eigentlich nur zwei separate Zimmer, dafür jedoch ein geräumiges Wohn- und Esszimmer, in welches nun Saskia ziehen wird. Da sie mit ihrer Gastfamilie gar nicht zurechtkam und diese ihre freien Entscheidungen und Wünsche nicht respektierten, kam es nun dazu, dass auch sie ihre Bedingungen verändert hat und nun seit gestern bei uns wohnt. Wir sind also nun ein bunter Haufen, bestehend aus einem 18- jährigen Stuttgarter, einer 28- jährigen Duisburgerin und mir, einer 25- jährigen Hamburgerin.

Ich bin insbesondere froh über Austauschpartner*innen und Menschen, mit denen ich etwas unternehmen und reisen kann. Zwar habe ich auch ghanaische Bekannte kennengelernt, doch hat sich bis jetzt kein sehr enger Kontakt hergestellt. Deshalb bin ich sehr froh, mich austauschen zu können und meine Freuden und Bedenken teilen zu können. Es wird sich sicher in Zukunft noch mehr ergeben z.B. mit Selorm, ein ghanaischer Freund, der mich bis jetzt sehr unterstützt hat und uns regelmäßig im Haus besucht.