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Erster Zwischenbericht: Ghana – Theater for a Change / Act for Change von Anett Jäger

 

Vorwort

Ich öffne meine Augen, noch dunkel, ich schau auf die Uhr: 4:30, drehe mich noch mal um und versuche, weiterzuschlafen. Musik bis zum Anschlag gedreht, im Hintergrund wildes Hupen der Autos, Mates von der TroTro Station rufen Accccraaaa Accraaaa, singende Kinder, schreiende Grandma.

Guten Morgen, Ghana, Guten Morgen, Accra, Guten Morgen, Mamprobi. Guten Morgen, Naa Ardua. Das bin ich. Ich in der großen bunten Stadt. Einer Stadt, die niemals schläft. Eine Stadt mit Gegensätzen. Einerseits gibt es neue Gebäude und imposante Hochhäuser – auf der anderen Seite wiederum Armut. Es dauert eine kleine Weile, bis man sich in der Stadt zu Recht gefunden hat. Findet aber schnell Hilfe und Unterstützung, sobald man nach ihr fragt. Wow, es ist wirklich schon so weit. Ich schreibe meinen ersten Zwischenbericht. Drei Monat bin ich nun schon hier. Die Zeit ist so schnell vergangen und jeden Tag eine neue Story, ein neues

Erlebnis, neue Herausforderungen und neue Leute. So viel schon erlebt und solange darüber nachgedacht, wie ich alles in geordnete Worte bringen soll? Wie soll ich anfangen, was soll ich schreiben und wie soll ich enden?

Die Einsatzstelle und das Arbeitsumfeld

Nach einer Performance von Act for Change , gab ich ein Interview, in welchem ich gefragt wurde, warum ich mich für die Zusammenarbeit mit einer Theatergruppe in Ghana entschieden habe und wo ich persönlich die Unterschiede zwischen den Projekten in Europa und Ghana sehe. Ehrlich gesagt kann und möchte ich Act for Change nicht mit einem Theaterhaus aus Deutschland vergleichen, da es sich in so vielen Punkten unterscheidet und nicht vergleichbar ist. Was ich sagen kann, dass ich hier einer Künstler*innengruppe begegnet bin, die Theater mit einer großen Leidenschaft und Faszination dem Publikum präsentiert, um Probleme anzusprechen und Lösungen zu finden, wie ich es vorher noch nicht erlebt habe. Jede*r wird angesprochen und mit einbezogen. „Theater für alle“. Theater das informiert und vermitteln Wissen. Neben meinem Studium in Wien habe ich viele Erfahrungen im Theater- und Filmbereich sammeln dürfen. In den Jahren habe ich viele interessante Leute kennengelernt, aber AFC ist etwas sehr Besonderes. AFC versucht mit wenigen Mitteln, Großes zu verändern. Theater mit Zweck und Herz. Wo ich kann, versuche ich zu helfen und meine Erfahrungen aus den letzten Jahren mit einzuflechten. Beispiele für Themen mit denen sich AFC auseinandersetzt, sind „Sexual/reproductive health rights“, HIV/AIDS, Verhütung, Jugendschwangerschaften, Zwangsheirat, Menschenrechte und vieles mehr. Themen, die in der Gesellschaft sehr präsent sind. AFC ist eine NGO, die u.a. interaktives Theater als Methode nutzt, um sich mit aktuellen Problemen in der Gesellschaft auseinanderzusetzen und zusammen mit den Menschen nach Lösungen zu suchen. Großenteils agieren sie in James Town, eines der ärmsten Viertel der Stadt, mit einer hohen Arbeitslosigkeit und einer großen Anzahl an Straßenkindern. Die meisten Mitglieder*innen von AFC sind in dieser Community aufgewachsen, wissen genau wo die Probleme liegen und versuchen Lösungen zu finden, um ihre Gesellschaft zur Verbesserung und zur Weiterentwicklung zu ermutigen. Es ist ziemlich beeindruckend, mit welchen Enthusiasmus und Engagement, sie mit ihrem Projekt nach Lösungen suchen. Zum Beispiel mein Mentor, Samuel, aufgewachsen in James Town. Er ist nicht nur ein talentierter Schauspieler, Entertainer, Set Designer, sondern einer der engagiertesten Personen, die ich bis jetzt kennenlernen durfte. Er arbeitet Tag und Nacht, um die Organisation weiter voran zu bringen. Entwickelt in wenigen Minuten großartige Programme, mit denen sich super arbeiten lässt. Er selber sagt, dass er mit allen seinen Talenten versucht seine Community und gerade junge Menschen dazu zu ermutigen, Verhaltensweisen zu ändern und diese dann an die nachkommende Generationen weiterzugeben. Gerade vor ein einigen Wochen hatte wir eine Performance in James Town. Es war eine Koproduktion mit Alliance Française. Das Thema war „Lets Talk Shit“. Es ging darum, über die nicht vorhandenen sanitären Anlagen aufmerksam zu machen und das Problem zu beseitigen, da viele der Einwohner*innen in die Gatter (Gräben neben der Straße) urinieren und defäkieren. Das wiederum dazu führt, dass sich ein unerträglicher Gestank verbreitet. Die selbst inszenierte Performanceaufführung fand direkt auf der Straße in dem Fischerdorf von James Town statt. Nach einigen Minuten kamen ca. 100 Leute zusammen und es wurde performt. Die Aufführung kam sehr gut an. Nach der Aufführung hatte Collins, der Director von AfC, einige Interviews. Auch ich hatte ein langes Gespräch mit ihm, bei dem sehr deutlich wurde, dass es in den meisten Fällen, trotz des positiven Feedbacks von allen Seiten, immer aus finanziellen Gründen scheitert. Das macht es für ihn und das Management nicht leicht, da sie und viele andere ihren früheren Job aufgaben und jetzt ohne regelmäßiges Einkommen für die NGO arbeiten. Da das Land Ghana vor kurzem eine neue Gebühr für alle NGOs eingeführt hat, die jährlich gezahlt werden muss, ist AfC derzeit finanziell herausgefordert. Es stehen sehr viele Ideen im Raum. Aber oft können sie nicht realisiert werden, weil die finanzielle Unterstützung fehlt. Theater bzw. Kunst wird nur selten unterstützt. Dass Projekte und Ideen umgesetzt werden können, ist gerade ein großer Teil meiner Aufgabe, Fundraising-Möglichkeiten zu finden und Bewerbungen dafür zu schreiben. Hierbei mit eingeschlossen ist, andere Organisationen/ Institute zu treffen, mögliche Zusammenarbeit zu besprechen und Fördergelder zu verhandeln. Durch einige dieser Treffen bin ich schon sehr vielen interessanten Leuten begegnet, die mich sehr geprägt haben. Momentan arbeiten wir an der Entwicklung und Umsetzung von einigen Projekten. Durch die Zusammenarbeit mit der Canadian High Commion, wird es uns ermöglicht in Somanya (Eastern Region) das Thema „Interactive Theatre for child, early and forced marriage prevention“ zu behandeln. Dieses Projekt wird über 6 Monate laufen. Behaviour Change Workshops, Interactive Theater und viele weitere Methodenwerden dazu genutzt, Betroffene aufzuklären und gemeinsam eine Veränderung zu erzielen. Die Herangehensweise ist sehr interessant für mich gewesen. Bevor das Projekt starten konnte, haben wir uns erst mal mit dem „chief“ und den „eldest“ getroffen. Erst wenn diese dem Projekt zustimmen und positiv überzeugt wurden, kann begonnen werden.Weiterhin haben wir an einem Antrag gearbeitet in Zusammenarbeit mit NAWA, bei diesem sich AFC für die Bekämpfung von Gewalt gegenüber Frauen einsetzt. Ein weiteres Projekt ist die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und das Bewusstsein der Eigeninitiative. Dies sind nur einige Beispiele an denen wir gerade arbeiten und die in den nächsten Jahren weiterentwickelt werden sollen. Bei diesen Vorhaben und weiteren anstehenden Projekten ist es meine Aufgabe, diese zu dokumentieren und Workshops zu unterstützen und zu beobachten. Genau genommen springe ich dort ein, wo Hilfe gebraucht wird (Kostüm, Bühne, Technik, Make-up, Organisatorisches, Tanzperformances, Monitoring etc.) Manchmal kämpfe ich mit mir selbst, weil ich ein sehr ungeduldiger Mensch bin und einige Prozesse länger dauern, als ich es gewohnt bin. Aber trotzdem denke ich, obwohl ich noch am Anfang meines Ghana-Aufenthalts stehe, dass mich diese Erfahrungen für immer prägen werden. Man muss dazu bereit sein, sich auf all die neuen Lebensumstände wie Essen, Hygiene, Klima, Art des Lebens etc. einzulassen und tolerant durch die Straßen gehen. Dann wird man sich hier wohlfühlen, interessante Menschen kennenlernen und neue Freundschaften schließen. Man sollte nicht vergessen, sich dafür die Zeit zu nehmen, die man braucht. Manchmal werden neue Eindrücke mit Selbstzweifel, Ungeduld und dem Bedürfnis nach Heimat, der Gewohnheit, mit der man vertraut ist, gemischt. Aber ich denke, dies ist normal und sollte kein Hindernis darstellen, sondern eine Stärkung des eigenen Bewusstseins sein.

Das Leben und der Alltag

Drei Monate also: So langsam weiß ich jeden Namen, jeden Spitznamen, jeden Ga- Namen. So langsam gewöhne ich mich auch an meinen neuen Namen. So langsam verstehe ich, dass ich nun für ein Jahr solch tolle Leute um mich haben werde. So langsam gewöhne ich mich an laute Musik, viele Menschen, an meine Nachbarn, an die Ga-Time (Verspätung um ca. 2h), an das TroTro fahren, an volle Straßen, viel Essen, scharfes Essen, schnell essen, mit den Fingern essen, an das Duschen mit Eimern, an den Stromausfall hier und da. So langsam gewöhne ich mich an Accra. Mein neues Zuhause. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, plane ich immer 10 Minuten länger ein, um jedem „Hello“ zu sagen und ein wenig Small Talk zu führen. Ich verwende hier und da mal ein Ga-Wort (Ga – eine der 67 Sprachen, die die Leute hier in Ghana sprechen) und bringe die Menschen zum Lachen. Lachen, das tun sie gerne und wenn es einem Mal nicht so gut geht, wird man schnell dadurch aufgebaut. Sehr gastfreundlichen, offene und wissbegierige Menschen begegne ich jeden Tag. Schnell gelernt habe ich, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Man muss nur fragen und schon steht man nicht mehr allein da. Vor einigen Tagen, wurde mir gesagt: „You see, I am always happy. If you are happy you can think straight and can solve the problems in a better way.“ Auch hatte ich das große Glück nach zwei Tagen meiner Ankunft Laura kennengelernt zu haben. ,,My Sister‘‘, wie sie sagt. Ich kann sie Tag und Nacht anrufen. Sie ist bei jeder meiner Fragen gerne bereit, sie zu beantworten und wir hatten schon die feinsten Diskussionen über Politik, Religionen, Zwangs-/ Heirat, Homosexualität u.v.m..

Durch Laura habe ich einige Regionen Ghanas schon entdeckt, auch traditionelle Feste, wie zum Beispiel eine Hochzeit, die ich besuchen durfte. Egal, wo ich bin und wen ich kennenlerne, alle begrüßen mich mit „Welcome to Ghana“ und einem breiten Grinsen im Gesicht. Diese Worte meinen sie aus ganzem Herzen. Auch war Laura immer an meiner Seite, als ich Malaria hatte. Dafür bin ich ihr sehr, sehr dankbar. Denn die Vorgehensweise in Krankenhäusern ist schon anders, aber durch Laura und das nette Personal, habe ich auch dies problemlos gemeistert. Sehr überraschend für mich war, dass jede*r meiner Nachbar*innen, einige von der TRo TRo Station (bei der ich jeden Tag ein- und aussteige) und auch die Jungs von ACT FOR CHANGE vorbei gekommen sind, um nachzufragen, wie es mir geht und ob es mir an nichts fehlt. Ich denke, dadurch, dass ich alleine bin, habe ich sehr schnell Anschluss gefunden und bekam ziemlich rasch einen guten Eindruck von Kultur, Familien, Traditionen, Religionen und die Art des Denkens. Auch kam ich zur richtigen Zeit nach Ghana. Gleich an meinem ersten Wochenende fand das Art Festival “Chale Wote“ in James Town statt. Viele Künstler*innen aus Ghana und benachbarten Ländern kamen zusammen und kreierten gemeinsam Kunst. Von Street Art über Dance Art bis hin zu lokalen Musiker*innen war alles dabei, was das Herz begehrt. Es kamen viele Menschen aus vielen Nationen zusammen. Es war eine tolle Atmosphäre.

Gerade sehr auffällig und nicht zu übersehen bzw. zu überhören, sind die Wahlen. Fleißig wird Wahlwerbung betrieben. Ob mit großen Jeeps der jeweiligen Parteien, die mit großen Lautsprechern beladen und lautstarker Musik auf sich aufmerksam machen oder Gruppen, die sich in Partei-Shirts und mit anderen Verkleidungen schmücken und durch die Straßen laufen. Auch meine Nachbarn tragen beim Kochen im Hof Partei- Shirts und das ist keine Seltenheit. Schon im September gab eine Publikumsdiskussion, bei der Mitglieder*innen der Partei, Fragen der Gemeinde beantwortet haben. Leider ist sie zum Ende hin etwas außer Kontrolle geraten, was auch Act for Change dazu bewegt hatte, Ga-Maschie Speak ,wegen fehlender finanzieller Mittel und das nicht Gewährleisten von genügend Security, abzusagen. Das ist eine Veranstaltung bei denen sechs verschiedene Mitglieder von Parteien eingeladen werden und kurz vor den Wahlen Informationen über das Wahlprogramm geben. Nun versuchen das Management und ich, durch Unterstützung von anderen Organisationen, Programme zum Thema „Peaceful Election“, auf die Beine zu stellen, die vor, während und nach den Wahlen stattfinden sollen. Ich muss zugeben, dass man ein wenig die angespannte Stimmung in der Stadt merkt. Auch äußern viele ihre Unzufriedenheit gegenüber der politischen Situation in Ghana. Ich bin sehr gespannt, wie es ausgeht und werde in meinem nächsten Bericht darüber schreiben.

Ghana - Theater for a Change / Act for Change

Ghana – Theater for a Change / Act for Change